Zum 27. Januar 2017 (Befreiung von Leningrad 1944 und Auschwitz 1945)
– Fritz Bauer: „die zu Sündenböcken gemachten Juden und Slawen“

Nadja Thelen-Khoder  

„Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit - zufällig auf den Tag genau ein Jahr nach Ende der Leningrader Blockade. Kein Zufall ist dagegen der Zusammenhang zwischen Auschwitz und Leningrad, zwischen dem Völkermord an den europäischen Juden und dem mörderischen Raub- und Vernichtungsfeldzug im Osten Europas: Sie wurzelten in der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassenideologie. ... Leningrad sollte nicht erobert, sondern als Wiege des sogenannten ,jüdischen Bolschewismus’ vernichtet werden.“  

So sprach am 27. Januar 2014 Bundestagspräsident Norbert Lammert im Deutschen Bundestag (1) und benannte den Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion endlich als das, was er war: ein mörderischen Raub- und Vernichtungsfeldzug im Osten Europas aufgrund der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassenideologie - und nichts Anderes.  

Mit Daniil Granin sprach ein Überlebender von Leningrad im Hohen Haus (2). „Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Granin, dass Sie in Ihrem hohen Alter heute zu uns gekommen sind und am Tage des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag zu uns sprechen werden“, sagte Norbert Lammert, und ich weinte bittere Tränen, als der 90 jährige ehemalige Soldat der Roten Armee, der mit vielen anderen Leningrad befreite, über die Tagebücher weiterer Überlebender berichtete.  

Mein ganzes Leben leide ich unter einer Geschichtsschreibung, die sehr unterschiedlich von Opfern spricht. So gehören die Tagebücher von Anne Frank Gott sei Dank inzwischen zum kollektiven Gedächtnis auch der Deutschen, aber diejenigen von Tanja Sawitschewa sind nicht so bekannt (3), obwohl auch sie zu den Beweisen der Nürnberger Prozesse gehörten.  

In diesen Tagen wird viel von „Rechts-Populismus“ gesprochen, und immer wieder höre ich von „Europa-feindlichen Stimmungen“. Was unser Europa eigentlich ist, sein müßte oder könnte – darüber höre ich sehr viel weniger (4).   Am 3.7.2014, bei der Gedenkstunde an den Beginn des Ersten Weltkriegs hundert Jahre vorher (5), zitierte Alfred Grosser in seiner Rede (6) den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel vom 8. Mai 1975: „Warum geschah das alles? Warum diese furchtbaren Opfer? Die Antwort ist: Hitler wollte den Krieg. Sein Leben hatte keinen anderen Zweck als den Krieg. Er verwandelte unser Land in eine riesige Kriegsmaschine und jeder von uns war ein Rädchen darin.“ Er meinte: „Manche Texte von Adolf Hitler sollten in den deutschen Geschichtsbüchern stehen (sofern es noch Geschichtsunterricht als Pflichtfach gibt). Zum Beispiel zwei Ansprachen an seine Generäle und Minister: Am 23. Mai 1939: ,Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen und bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen.’ Und am 22. August, während Ribbentrop nach Moskau fliegt: ,Wir brauchen keine Angst vor Blockade zu haben. Der Osten liefert uns Getreide, Kohle, Blei, Zink. (...) Ich habe nur Angst, daß mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt.’“

Warum geschah das alles? Diese Frage wird uns alle wohl immer umtreiben. Sie ist immer wieder gestellt worden, und viele Arbeiten zu dieser ewigen Frage liegen vor. Darunter ein kleines schmales Büchlein: Fritz Bauers „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ erschien 1965 in Frankfurt am Main bei der Europäischen Verlagsanstalt.  

Der hessische Generalstaatsanwalt, dem wir u.a. den Auschwitz-Prozeß zu verdanken haben, hätte sein Referat gern als Schullektüre gesehen, aber sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, wie Ilona Ziok in ihrem Film „Fritz Bauer. Tod auf Raten“ (7) sehr eindrucksvoll auch in Interviews mit Zeitzeugen darlegt.  

„Die vorliegende Publikation geht auf ein Referat des hessischen Generalstaatsanwaltes Dr. Fritz Bauer über ,Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns’ zurück, das er auf Veranlassung des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz im Rahmen einer Arbeitstagung über ,Rechtsradikalismus’ vor den Vertretern der im Landesjugendring Rheinland-Pfalz vereinigten Jugendverbände gehalten hat.
Die nicht im Buchhandel vertriebene Wiedergabe des Referats, die schnell vergriffen war, und der – in verkürztem Umfang – weitere private Nachrucke, aber auch Publikationen in ausländischen Zeitungen folgten, wurde – ohne wesentliche Änderungen – zur Grundlage der jetzigen, dem Charakter der Serie ,res novae’ angepaßten Veröffentlichung genommen. Anlaß hierfür war, daß von verschiedenen Seiten, vor allem aus pädagogischen Kreisen, eine neue Ausgabe angeregt wurde.
Die seinerzeitige Broschüre des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz hat neben Zustimmung auch eine lebhafte Kritik hervorgerufen. Zu den wesentlichen Einwänden hat Fritz Bauer in einem Brief vom 9. Juli 1962 an den Landesjugendring Rheinland-Pfalz Stellung genommen. Dieser Brief ist der Wiedergabe seines Referats beigefügt. Der Landesjugendring Rheinland-Pfalz beabsichtigte, 2000 Exemplare seiner Broschüre den Oberstufen der höheren Schulen und den Oberstufen der Berufsschulen zur Verfügung zu stellen. Das Kultusministerium lehnte jedoch eine Verteilung ab. Diese Ablehnung führte zu ,einer Großen Anfrage der Fraktion der SPD betreffend Verhalten der Landesregierung gegenüber dem Landesjugendring Rheinland-Pfalz’ und einer Diskussion im Landtag Rheinland-Pfalz am 10. Juli 1962. Auszüge aus der Begründung der Großen Anfrage, ihrer Beantwortung durch den Kultusminister Dr. Orth und aus der daraufhin folgenden Landtagsdebatte werden hier veröffentlicht. Ein Schlußwort Bauers, mit dem er sich mit den Teilnehmern an dieser Debatte auseinandersetzt, schließt die Veröffentlichung ab.“  

So steht es auf der Rückseite dieses kleinen Bändchens, das 1965 in der EVA erschien, lange Zeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich war und 2016 – nach mehr als einem halben Jahrhundert – neu aufgelegt worden ist.  

Auch heute wird von „Rechtsradikalismus“, „Rechtsextremismus“ und „Rechts-Populismus“ gesprochen, und heute sind Fritz Bauers Gedanken über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ hochaktuell.   Wir erleben zur Zeit, wie PEGIDA, „Reichsbürger“ (8) u.a. (9) mit der immer wieder gezeigten „Stauffenberg-“ bzw. „Wirmer-Fahne“ (10) demonstrieren, wen oder was sie mit „Volk“, „Patriotismus“ und „Abendland“ (11) meinen und wer oder was eben für sie nicht dazugehört.  

„Die Deutschen wurden zu einem Volk, das sich an dem Catch-as-catch-can einiger Massenredner gegen die zu Sündeböcken gemachten Juden und Slawen passiv beteiligte und das ständig die Illusion der ,Aktivität’ einer schreienden Zuschauermasse eines Fußballspiels empfand, wobei einige das Scheinprivileg genossen, den befohlenen Beifall zu organisieren“, schrieb der Jude und Sozialdemokrat (13) Fritz Bauer in seinem Referat (14), und der 27. Januar steht wie kein anderes Datum in der Geschichte für die millionenfachen Morde an ,Juden und Slawen’: sechs Millionen Juden (auch in Auschwitz) und 27 Millionen Bürger der Sowjetunion (auch in Leningrad) – und so viele andere mehr! 

Ob man Ilona Zioks Film „Fritz Bauer. Tod auf Raten“ auch bald „normal“ im Handel kaufen kann? In den anderen Filmen über bzw. mit Fritz Bauer, die nachher gedreht wurden - „Im Labyrinth des Schweigens“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“, „Die Akte General“ - werden „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ (14) nicht erwähnt.    

Anmerkungen:  

1. http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/48947121_kw05_gedenkstunde/215180 2. http://www.tagesschau.de/rede-granin100.pdf 3.           http://www.nachdenkseiten.de/?p=15970
4. http://www.afz-ethnos.org/index.php/19-uncategorised/116-was-ist-unser-europa
5. http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/kw26_ak_gedenkstunde/284380
6. http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/-/286168
7. http://www.fritz-bauer.film.de
8. siehe Horst Mahler (NPD) im Film „Die Anwälte“ (über Horst Mahler, Otto Schily und Hanns-Christian Ströbele) von Birgit Schulz von 2011
9. vgl. „Hassbürger. Zwischen Protest und Extremismus“, Film von Rainer Fromm, gesendet am 15.9.2016 auf Phoenix (https://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/1133034)
10. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/wilders-pegida-dresden-kundgebung
11. „ ,Abendland“, das war stets ein scharfer Kampfbegriff ...“ schreibt Rainer Hank in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/pegida-abendland-war-stets-ein-kampfbegriff-13333220.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)
12. http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/stichwort/wels.htm
13. Fritz Bauer: „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“, Frankfurt/M. 1965 (EVA), unter XII.
14. https://www.europaeische-verlagsanstalt.de/content/die-wurzeln-faschistischen-und-nationalsozialistischen-handelns/fritz-bauer/978-3-86393-085    

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