Dipl.-Hist. Alex Dreger

Offene Antwort auf die Rückäußerung von Herrn Dr. Ventzke

Die Verfasser von "mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte " wollten meinen kritischen Kommentar auf ihrer Seite nicht freischalten. Und haben es bis dato nicht getan. Da aber die Sache auf anderen Wegen an die Öffentlichkeit und (was viel wichtiger zu sein scheint) an den Auftraggeber doch gelangt hatte, schrieb Herr Dr. Ventzke (ich verzichte auf die duzende Sprachform, die Herr Dr. Ventzke in Bezug auf meine Person verwendet) eine Antwort, wo es versucht wird, gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Zuerst ging meine Kritik gar nicht auf die Didaktik ein. Aber Herr Dr. Venzke versucht, durch die Didaktik seine anschaulich mangelhafte Kenntnisse der Geschichte und der Mentalität anderer Völker zu rechtfertigen. Deswegen bin ich doch gezwungen, auch über die didaktischen Fragen zu sprechen. Die Verfasser vom „mBook“ haben mit Erfolg die Vorteile der digitalen Bücher demonstriert. Manche Schüler und Studenten, die ihre Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Papier zur Schau bringen müssen, können zu Recht neidisch sein. Sie können ja nicht so schnell ihre Fehler korrigieren und danach mehr Respekt zu ihrem Wissensstand zu verlangen.

Herrn Dr. Venzkes Abwehrstrategie heißt der Angriff. Und zwar so persöhnlich, wie es in den engen zur Verfügung stehenden Rahmen noch geht.

Herr Dr. Ventzke schreibt: „Herrn Dregers Sichtweise auf Geschichte scheint sich von den gegenwärtigen wissenschaftlichen Sichtweisen darauf, was das Fach ist und wie seine Inhalte entstehen zu unterscheiden.“
Hier wird ein Versuch gemacht, dem Opponenten die Leviten vorzulesen. Was ist dann das Fach Geschichte nach Herrn Dr. Ventzke?
„Geschichte ist eben nicht gleichzusetzen mit der Vergangenheit, sondern sie entsteht durch Fragen, die gegenwärtige Interessenten an die Vergangenheit stellen. Diese Fragen entscheiden über die Auswahl von Inhalten, denn die erhofften Antworten beziehen sich auf gegenwärtige Herausforderungen, Interessenlagen und Standpunkte. Geschichte ist damit eben keine Spiegelung der Vergangenheit, sondern eine Konstruktion, die sich auf Gegenwart und Zukunft bezieht. Aus dem, was an Quellenüberlieferungen zur Verfügung steht, wählen Geschichtsdenker Material aus, um ihre Fragen beantworten zu können.“
Klingt sehr seriös, nicht wahr? Aus meiner Sicht, handelt es sich dabei aber eher um die Art, wie man die Wissenschaft Geschichte in Interessen der Politik (aus)nutzen kann.
So ein Verständnis „von den gegenwärtigen wissenschaftlichen Sichtweisen“ kommt mir aber irgendwie bekannt vor. „Die Geschichte ist die Politik, die in die Vergangenheit umgekehrt ist“ („История это политика, опрокинутая в прошлое»; http://www.bibliotekar.ru/encSlov/9/127.htm) Der Autor ist der marxistische Historiker M. N. Pokrovski (1868-1932; https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Nikolajewitsch_Pokrowski)
Soll etwa die These aus den Zwanzigerjahren des XX. Jahrhunderts das Verständnis der Geschichte in der Gegenwart bestimmen? Wohl kaum.
„Und keineswegs zu allen Fragen ist eine Überlieferung vorhanden. Geschichte ist mithin von Selektivität und Partialität geprägt: Unsere Fragen beleuchten, wie der Lichtkegel der Taschenlampe, einen Ausschnitt der Vergangenheit und suchen nach Informationen, die es – in Konstruktionen ‚verbaut’ – ermöglichen sollen, mit heutigen und zukünftigen Herausforderungen umzugehen.“
Hier könnte man einverstanden sein. Theoretisch ist es so. Nur in diesem konkreten Fall ist die Quellenlage ganz eindeutig. Und der ehrliche Wissenschaftler kann doch nicht im Ernst behaupten, dass zum Berliner Kongress 1878 „keine Überlieferungen“ vorhanden seien.

Dann geht Herr Dr. Venzke auf den Umgang mit den Konflikten. Vergessen wir nicht- das Buch ist u. a. fürs Gebrauch in Schulen vorgesehen. Als Vater der schulpflichtigen Kinder kenne ich die Probleme zu gut. Ganz oben in der Liste steht Mobbing. Die Folgen dieses Phänomens sind schwerwiegend und enden in den schlimmsten Fällen tödlich.
Wir haben multinationale Klassen. In denen wird es zu oft nach den ethnischen Gründen gemobbt. Man könnte aufs Problem stärker eingehen, dafür gibt es aber auch genug Fachliteratur.
Für die Russlanddeutschen spezifisch ist - dass man in der UdSSR sie immer wieder versuchte, als „Faschisten“ zu beleidigen. Und in der Bundesrepublik werden sie oft mit der Absicht oder ohne als „Russen“ bezeichnet. Ich muss leider die Problematik extra schildern, damit sie den Verfassern doch endlich bewusst wird.
Und was kommt mit dem „mBook“ in die Klasse? Die Phrasen „keine echten Deutsche“, „Russen gelten als trinkfest“ usw. werden ohne Bedacht in den Raum geworfen. Herr Dr. Venzke ist sogar stolz darauf:
„Konflikte werden nicht umgangen – aus Angst vor Debatten. Und die im Unterricht so gefürchteten Scheinproblematisierungen, bei denen Lernende immer schon eingangs wissen, was Unterrichtende ‚hören wollen’, die aber ohne Ecken und Kanten daherkommen, werden ganz bewusst vermieden. Und deswegen wird zugespitzt, wird die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Stereotypen nicht gescheut. Man kann im Unterricht keine Orientierungsprozesse anstoßen, wenn man die schwierigen Seiten des Lebens ausblendet. Alle Menschen erfahren diese schwierigen Seiten, auch Russlanddeutsche. Und gerade Schülerinnen und Schüler erleben doch auf dem Schulhof oder im Wohnviertel Stigmatisierungen, Ausgrenzungen und Gruppenbildungen aller Art. Und meist wird dabei nicht ‚mit dem Florett gefochten’, sondern eben ‚mit dem Säbel’.“
Das Konfliktpotenzial soll also gesteigert werden? Und zwar nicht auf dem Schulhof, sondern direkt in der Klasse? Der Lehrer ist auch ein Mensch und es ist absolut unverantwortlich davon auszugehen, dass er immer die Lage beherrschen wird.
Aus meiner Sicht wäre es angebracht, auf die Deeskalation zu setzen und nicht auf die Weiterverbreitung der Vorurteilen. Besonders wenn die Autoren aufgrund der fehlenden eigenen Kenntnisse über Russland Wladimir Kaminer als einen Experten schätzen müssen, der „sich markant über Eigenarten von Gruppen und Stereotypen äußert und dabei Russland und Deutschland immer im Blick hat. Weil er gut beobachtet und spitz formuliert."
Ein Satiriker arbeitet mit den verallgemeinernden Vorurteilen und macht sie zur Groteske zur Belustigung des Publikums. In einem Bierzelt ist das vollkommen in Ordnung. Nicht aber in einem Lehrbuch.

„Man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass Dreger auch bewusst missverstehen will. Er argumentiert auf einem gewissen Konfrontationsniveau. So etwa, wenn er eine Formulierung über den Winter in Russland im Zusammenhang mit dem Vormarsch der Mongolen auf Nowgorod im Jahr 1238 so interpretiert, als bemühte sich der Autor damit, das übliche Winter-in-Russland-Klischee zu bedienen. Solche Herangehensweisen sind bedauerlich.“
Im konkreten Fall gibt es gleich drei faktische Fehler. Ob diese durch „das übliche Winter-in-Russland-Klischee“ entstanden sind, mag ich nicht beurteilen.
Bedauerlich muss man eigentlich darüber sein, dass man sich in der Lage ohne entsprechendes Wissen Schüler über alle Themen zu lernen sieht! Ich gehe hier nicht auf die andere „mBooks“ ein – die auf den wissenschaftlichen Inhalt zu überprüfen ist die Aufgabe der direkt daran interessierten Stellen, die z.B. diese Arbeit in den Auftrag gegeben und finanziert haben.
Aber mit dem „mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte“ ist es anders. Das Thema trifft Millionen Menschen zu. Nicht nur die erste zurückgekehrte Generation, sondern auch ihre in Deutschland geborenen Nachkommen. Die haben Recht auf ein wissenschaftlich begründetes Lehrbuch, in dem es um die Geschichte ihres Volkes geht. Diesen Ansprüchen wird das „mBook“ nicht gerecht.
Schade.

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