Was ist unser Europa?

Nadja Thelen-Khoder

Ein ganz anderes Europa als das „christliche Abendland“1 der „Abendländischen Akademie“2 und des CEDI3,4 also dem „Europa der Deutschen“5 im Escorial6 mit Friedrich August Freiherr von der Heydte7, Paul Wilhelm Wenger und Otto B. Roegele8 vom „Rheinischen Merkur“9 und Hans-Joachim von Merkatz10 als den ersten deutschen „rapporteurs“, repräsentierten Fritz Bauer11 und Stéphane Hessel; der schrieb in „Empört Euch!“ (Berlin 2011):

„Es war Jean Moulin, der vor nunmehr 66 Jahren alle großen politischen Kräfte des besetzten Frankreich – Widerstand, Parteien, Gewerkschaften – im Nationalen Widerstandsrat zusammenführte. In ihm bekannten sie sich zum gemeinsamen Kampf für ihre Ideale unter der einzigen Führungsfigur, in der sie sich alle wiedererkannten: General de Gaulle. Aus London, wo ich im März 1941 zu de Gaulle gestoßen war, erfuhr ich, dass dieser Rat am 15. März 1944 ein Programm verabschiedet hatte, auf dessen Grundsätzen und Werten die Demokratie des befreiten neuen Frankreich ruhen sollte.“

„Der Nationale Widerstandsrat (Conseil national de la Résistance – CNR) wurde heimlich am 27. Mai 1943 von Vertretern acht großer französischer Widerstandsbewegungen, zweier großer Vorkriegsgewerkschaften: der CGT (Confédération générale du travail) und der CFTC (Confédération francaise des travailleurs chrétiens) und der sechs wichtigsten politischen Parteien des Vorkriegs-Frankreichs gegründet, unter ihnen der PCF (Parti communiste français) und die SFIO (Section française de l’Internationale Ouvrière – die Sozialisten). Er trat zum ersten Mal am 27. Mai unter dem Vorsitz von Jean Moulin zusammen, den General de Gaulle entsandt hatte, weil er in diesem Rat ein Werkzeug zur Stärkung des Kampfes gegen die Nazis und damit auch seiner eigenen Legitimation gegenüber den Alliierten sah. De Gaulle beauftragte den Rat, ein Regierungsprogramm für die Zeit nach der Befreiung Frankreichs auszuarbeiten.

Dieses Programm wurde nach etlichem Hin und Her zwischen dem Rat und der Exilregierung, in London und Algier, am 15. März 1944 von der Vollversammlung des Rates verabschiedet und vom Rat am 25. August 1944 im Pariser Rathaus feierlich General de Gaulle übergeben. Die Presseverordnung wurde bereits am 26. August verkündet. Einer der Hauptverfasser des Programms war Roger Ginsburger, Sohn eines elsässischen Rabbiners. Unter dem Pseudonym Pierre Villon war er Generalsekretär der von der französischen Kommunistischen Partei 1941 gegründeten Widerstandsbewegung ,Nationale Front für die Unabhängigkeit Frankreichs’ (Front national de l’indépendance pour la France) und Vertreter dieser Bewegung im Rat und in seien Ständigen Büro.“ („Mit dem Autor abgestimmte Fußnoten der französischen Verlegerin“) Warum sprechen wir nicht über Stéphane Hessels „Empört Euch!“, wenn wir über Europa und den Widerstand gegen die „Rechts-Populisten“ reden, warum nicht über dieses Programm vom 15. März 1944?

2015 sendete der WDR das Hörspiel „Klaus Barbie: Begegnung mit dem Bösen“ von Peter F. Müller, Leonhard Koppelmann und Michael Mueller unter der Regie von Leonhard Koppelmann (WDR 2014): am 25.8. „Amsterdam“, am 1.9. „Lyon“ und am 8.9.2015 „La Paz“. Jean Moulin wurde von Klaus Barbie zu Tode gefoltert, der zufrieden erzählt: „Ich hab’ versucht – natürlich -, ihn umzudrehen.“

Klaus Barbie hat Jean Moulin zu Tode gefoltert; er starb im Zug, der ihn nach Berlin bringen sollte. Eigentlich hätte er noch lebend in Berlin ankommen sollen; daß er nun doch an seinen Verletzungen gestorben war, sei aber nicht so schlimm gewesen, sagte Klaus Barbie: „Denn die Folgen waren eben die, daß er nicht Präsident werden konnte und die Sozialisten und Kommunisten nicht schon damals an die Macht kamen.

Warum sprechen wir nicht öfter über Stéphane Hessels „Empört Euch!“, wenn wir über Europa und den Widerstand gegen die „Rechts-Populisten“ reden und warum nicht über dieses Programm vom 15. März 1944?

Was ist uns unser Europa? Wir haben viel zu verlieren!

Anmerkungen:

1 u.a. mit seinem „Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani”, abgekürzt OESSH. Friedrich August Freiherr von der Heydte war Statthalter der deutschen Statthalterei der unter dem besonderen Schutz des Vatikans stehenden Vereinigung höchst elitärer und höchst einflußreicher Kreise mit ihrem „Deus lo vult“ = „Gott will es“ (http://www.oessh.net/ueber-den-orden/organisation-des-ordens.html); siehe auch „ ,Abendland’ war immer ein scharfer Kampfbegriff“, in http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/pegida-abendland-war-stets-ein-kampfbegriff-13333220.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

2 Birgit Aschmann: „,Treue Freunde ...’. Westdeutschland und Spanien 1945-1963“, Stuttgart 1999 (Franz Steiner Verlag)

3 Anmerkung des Portaladministrators: Das Europäische Dokumentations- und Informationszentrum (CEDI, französisch: Centre Européen de Documentation et d'Information, spanisch: Centro Europeo de Documentación e Información) wurde 1952 - nach offizieller Darstellung auf eine Anregung des damaligen Direktors des Instituto de Cultura Hispánica (ICH) Alfredo Sánchez Bella hin - mit einem ersten Kongress in Santander ins Leben gerufen. Unter der Leitung des CEDI sollten verschiedene christlich-konservative Strömungen zusammengefasst werden, die sich im Zeichen des kriegsbedingten Neuaufbaus, des einsetzenden Kalten Kriegs und der beginnenden europäischen Integration in verschiedenen westeuropäischen Ländern konstituiert hatten.

4 Georg von Gaupp-Berghausen: „20 años / années / years / Jahre CEDI“ (Madrid 1971)

5 Vanessa Conzes „Das Europa der Deutschen“ (München 2005)

6 Gustav A. Canaval: „Europa vom Escorial“, Salzburger Nachrichten v. 11. Juni 1955, zitiert nach Georg von Gaupp-Berghausen: „20 años / années / years / Jahre CEDI“, Madrid 1971 (Editora Nacional, San Augustin, 5), S. 87

7 ,No sólo las sesiones del Centro Europeo de Documentación, sine toda la estancia en España fue para mí una experiencia única: he visto por primera vez un país que vive de le fe y con la fe informa sú política; espero que este país será para una Europa sin fe o, por la menos, con una fe débil, estimulo, ejemplo y base. España es la conciencia católica de Europa.’(Carta del barón von der Heydte a Martín Artajo, Maguncia, 19-X-1953; aus Carlos Collade Seidel, UNED: „En defensa de occidente. Perspectivas en las relaciones del régimen de Franco con las gobiernos democristianos de Alemania (1949-1966); in: Javier Tusell, Susana Sueiro, José Marín und Marina Casanova (Hrsg.): „El régimen de Franco (1936-1975)“, Madrid 1993, Bd. 2, S. 481.
Siehe auch Friedrich August Freiherr von der Heydte: „ ,Muß ich sterben, will ich fallen…’.Ein ,Zeitzeuge’ erinnert sich“, Berg am See 1987 (Vowinckel); „Der General-Anzeiger“, Titelgeschichte des SPIEGEL 47/1962 vom 21.11.1962 zur „Spiegel-Affäre“, S. 55-66 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45124776.html); „Spionage/ von der Heydte: Sofort zuschlagen“ in DER SPIEGEL15/1970, S. 102f (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45197375.html); „Rechtsextremisten: Südtirol ist überall“ in DER SPIEGEL 45/1994, S. 68-72 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13684555.html); Friedrich August Freiherr von der Heydte: „Der moderne Kleinkrieg als wehrpolitisches und militärisches Phänomen“; Band 3 der „Würzburger Wehrwissenschaftlichen Abhandlungen“, Würzburg 1972 (Holzner), neu aufgelegt Wiesbaden 1986 mit einem Vorwort von Lyndon LaRouche von den „Patrioten für Deutschland“

8 Stefanie Waske: „Nach Lektüre vernichten. Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg“, München 2013 (Carl Hanser Verlag)

9 „1/3Graf Lambsdorff, 2/3 Landesverband“ in DER SPIEGEL 39/1983, S. 25-28 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14021356.html)

10 Kurt Hirsch: „Rechts von der Union. Personen, Organisationen, Parteien seit 1945“, München 1989

11 Fritz Bauer: „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“, Stuttgart 1965 (Europäische Verlagsanstalt). „Man hat oft zwei Typen europäischer Menschen unterschieden; der eine Typus denkt vorzugsweise an Ordnung, der andere an Freiheit.“

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